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WEIBER WERDEN WEISE
- von der Kunst, selbstbewußt und lustvoll in die Jahre zu
kommen
Als ich zum ersten Mal in der Schweiz ein Seminar
unter diesem Titel angekündigt hatte, löste das allerhand
Turbulenzen aus. Frauen riefen den Veranstalter an, um sich ausdrücklich
gegen die Bezeichnung “Weiber" zu verwehren, und “weise
werden" wollten die meisten auch nicht. Eine verblüffende
Reaktion, da es für mich völlig selbstverständlich
ist, Weiber als selbständige, wohlgeerdete, dem Dasein in
allen Facetten zugewandte Persönlichkeiten zu sehen. Weiber
sind Wesen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, die wissen,
was sie können und was sie wert sind, die ihren Platz in
der Gesellschaft voll Selbstbewußtsein einnehmen und ausfüllen.
Kurzum, kraftvolle, respektable, kundige, lebensfrohe Menschen
weiblichen Geschlechts!
Die “hohe Frau" war im Gegensatz dazu
ursprünglich eine Person höheren Standes, aus der Ferne
minniglich angebetet, in einer Burg der Rückkehr der mehr
oder minder siegreichen Recken harrend und bestenfalls als Herrin
über das Gesinde mit gewöhnlichen und alltäglichen
Dingen vertraut. Jedenfalls in meiner Vorstellung keine Vertreterin
eines Rollenverständnisses, dem ich mich anschließen
möchte.
Merkwürdig ist außerdem die seltsame
Vermischung und Verwirrung in den Bewertungen dieser beiden Begriffe.
Menschen weiblichen Geschlechts wollen zwar anscheinend gerne
als Frauen und nicht als Weiber angesprochen werden, aber sich
dann doch lieber “weiblich" als “fraulich"
präsentieren. “Weiblich" klingt stark, schön,
sexy, “fraulich" dagegen eher hausbacken, bieder und
spießig. Oder?
Aus den schamanischen Traditionen ist mir seit
vielen Jahren vertraut, daß es für Menschen jenseits
der Fünfzig eine eigene Position im gesellschaftlichen Gefüge
gibt, sie werden zu “Elders", zu “Ancianas",
zu allgemein hochgeschätzen Mitgliedern des Ältestenrates.
Stammesmitglieder in einem Alter, in dem die körperliche
Kraft nachzulassen beginnt, sind nicht mehr für die tägliche
Arbeit zur Nahrungsbeschaffung, für Kampf und Verteidigung,
für Fortpflanzung oder Hausbau zuständig. Sie sind die
weisen, geduldigen Ratgeber der Jugendlichen, denen sie beim Erwachsenwerden
beistehen, sie geben die Mythen und Werte ihrer Tradition weiter,
sie tragen die Verantwortung für die Harmonie in der Gemeinschaft,
schlichten Streit und stellen ihren reichen Schatz an Lebenserfahrung
zur Verfügung.
Frauen nähern sich dem Archetypus der “Weisen
Alten" an, sie geben der nächsten Generation weiter,
was ihnen in ihrem Leben bisher von Nutzen war. Oft gab es zu
diesem Zweck eigene Plätze oder Häuser, in denen menstruierenden
Frauen, die von ihren alltäglichen Pflichten befreit waren,
das nur ihrem Geschlecht vorbehaltene Wissen vermittelt wurde.
Und zwar von den “alten Weibern", den Geschlechtsgenossinnen,
die die Aufgaben ihres Arbeits- und Familienlebens schon gelöst
hatten. Mala Spotted Eagle, der Sohn von Rolling Thunder, einem
Medizinmann der Cherokee, erzählte einmal in einem Vortrag,
wie es in seinem Dorf zugegangen ist, wenn mehr als fünf
Frauen gleichzeitig in der “Moon Lodge" waren und die
Männer sich um Haushalt und Kinder zu kümmern hatten:
Das Chaos nahm überhand. Die Weiber genossen ihre allmonatliche
Auszeit und freuten sich schon aufs nächste Mal. Kein Wunder,
daß sie keine Menstruationsbeschwerden kannten.....
Im Kreis der Ältesten waren die weisen alten
Frauen keineswegs untergeordnet. Daß sie schweigend um den
Kreis der Männer saßen, bedeutete nicht - wie manche
europäischen Beobachter fälschlicherweise geschlossen
hatten -, daß sie nichts zu sagen hatten. Daß sie
sich sozusagen auch der “natürlichen Ordnung³,
die ihnen nur einen Platz in der zweiten Reihe zubilligte, unterworfen
hatten. Ganz im Gegenteil: Die Männer palaverten so lange,
bis sie der Clan-Mutter einen Lösungsvorschlag unterbreiten
konnten, den diese dann mit einer einfachen Handbewegung akzeptierte
- oder auch nicht.... Im letzteren Fall bedeutete das erneut:
Palaver, palaver, palaver, bis ein neuer Vorschlag gefunden war.
Das Problem besteht nicht im Älterwerden
an sich, so meine ich, sondern in der Bewertung dieser Lebensphase.
Darin, ob wir Weiber über Fünfzig uns als unattraktiv
und vom wahren Leben ausgeschlossen oder vielmehr als selbstsicher,
erfahren, anerkannt und als wichtige, machtvolle Mitglieder einer
Gemeinschaft betrachten. Von der Bewertung, von unserer persönlichen
Einstellung zum Leben jenseits der 50 hängt ab, wie es uns
damit geht. Ob wir mit unserer neuen Rolle hadern und unter den
zunehmend sichtbaren Zeichen der Vergänglichkeit leiden oder
nicht, entscheidet ganz wesentlich darüber, ob wir für
uns selbst eine sinngebende, fruchtbare, unserer reichen Erfahrung
angemessene Betätigung finden oder nicht, ob wir unsere Partnerschaften
und Beziehungen befriedigend und erfüllend gestalten können,
- ja sogar, ob wir gesund bleiben oder nicht.
Wir leben in einem Umfeld, wo uns Weibern fortgeschritteneren
Alters gerne vermittelt wird, daß wir nicht mehr begehrenswert
und ernstzunehmend seien. Wir lesen Statistiken, die uns über
die geringen Chancen am Arbeitsmarkt informieren. Wir sind umzingelt
von abwertenden Denkmustern! Und doch ist das nicht einmal die
halbe Wahrheit, nämlich insofern, als es an uns selbst liegt,
ob wir diese unerfreulichen, respektlosen Glaubenssätze akzeptieren
und uns bewußt oder unbewußt danach richten. Mag sein,
daß wir keine Mißwahl mehr gewinnen können -
na und? Mag sein, daß es Firmen gibt, die zuallererst weibliche
Mitarbeiter abbauen - könnte es nicht auch mit deren Qualifikation
und Grundhaltung zum Thema Arbeit zu tun haben?
Ich habe beobachtet, daß Frauen dazu neigen,
sich in einer Art vorauseilendem Gehorsam selbst abzuwerten und
auszuschließen, noch bevor die Männer in ihrer Umgebung
konkrete Zeichen setzen. Sie betrachten sich selbst nicht mehr
als erotisch und liebenswert, was sich oft in Unzufriedenheit
und Sichgehenlassen manifestiert. Was wiederum zu Erfahrungen
führt, die das eigene Vorurteil bestätigen. Oder, und
das ist im Grunde das Gleiche mit anderen Vorzeichen, sie bemühen
sich, mit großem Aufwand eine Fassade aufrechtzuhalten,
hinter der sie sich genauso einsam und ungeliebt fühlen.
Im Klartext, in meinen Augen unterscheiden sich die unbeweglichen,
frustrierten Dicken nicht grundsätzlich von den x-mal gelifteten
Fitnessstudio-Abonnentinnen. Die einen wie die anderen sind nicht
mit sich im Reinen, sie lieben sich selber nicht und können
daher auch nicht in ihre Kraft kommen. Im Vollbesitz ihrer Macht,
ihres vollen Potentials, ihrer Lust und Freiheit sind nur diejenigen
Weibsbilder, die zu sich selber stehen, die um ihre wahren Schwächen
und Stärken wissen, sich selbst gegenüber trotz Falten
und grauer Haare Zärtlichkeit empfinden und dem Leben mit
Klugheit und Humor begegnen.
Und berufstätige Frauen, die in ihrer Arbeit
mehr als nur eine Möglichkeit zum Gelderwerb sehen, die ihren
Beruf ebenso als Teil ihrer Identität sehen wie ihre privaten
Interessen, machen auch in diesem Bereich tendenziell mehr erfreuliche
Erfahrungen. Schließlich ist unser äußeres Leben
nicht von unserem inneren zu trennen. Wir bekommen immer und überall
unsere Einstellungen und Vorurteile gespiegelt und erleben in
jedem Moment die Manifestation unserer Denkmuster. Das heißt,
nur wenn ich mir vorstellen kann, auch jenseits der 50 eine geachtete,
geschätzte Mitarbeiterin zu bleiben, kann ich das auch in
der alltäglichen Wirklichkeit werden. Kollisionen mit Vorgesetzten,
die junge, weniger selbstbewußte Angestellte vorziehen,
können vorkommen. Uns steht es frei, sie als Hinweis darauf
zu interpretieren, daß unser bisheriger Arbeitsplatz nicht
mehr angemessen und daß es Zeit für einen Wechsel ist.
Und es steht nirgends gemeiselt, daß wir keine bessere Position
mehr finden werden. Ich kenne eine Reihe von Frauen, die um die
50 einen Neustart gewagt haben und nun zurecht stolz auf sich
sind.
Älterwerden hat große Vorteile, stelle
ich fest: Wir weisen Weiber haben schon allerhand geleistet und
niemandem mehr zu beweisen, daß wir imstande sind, unsere
Frau zu stellen. Wir haben den Jungen einiges an Erkenntnis voraus,
wissen schon genau, welche Art von Beziehungsleben, von Arbeitsumfeld
zu uns paßt und welche nicht. Wir haben unseren Lebensstil
gefunden, essen, lesen und ziehen an, was uns gefällt. Wir
schlafen vielleicht zu anderen Zeiten, pflegen unsere Eigenheiten
und erlauben uns bei weitem mehr unkonventionelles Verhalten als
in jungen Jahren. Wir haben einiges an Verpflichtung abgeschlossen,
die Kinder sind aus dem Haus, und wir genießen ein neues
Maß an Freiheit. Wir haben einige “Katastrophen"
überstanden und betrachten inzwischen unerwartete Ereignisse
mit mehr Gelassenheit. Und idealerweise lachen wir viel und herzhaft,
durchaus auch über uns selbst!
Heute haben Frauen guten Grund anzunehmen, daß
sie nach dem Klimakterium noch 30 und mehr Jahre leben werden.
Es handelt sich also bei dieser Lebensphase möglicherweise
um die längste in einem Frauenleben. Umso wichtiger ist es
darum, daß wir uns auch auf diese Zeit freuen und sie bewußt
gestalten. Auch wenn die Östrogenproduktion zurückgeht
und sich unsere Körper verändern, sind wir vollständig
in unserer Weiblichkeit. Auch wenn die körperliche Leistungsfähigkeit
nachläßt, sind wir machtvolle Wesen, die Verkörperung
von Pacha Mama, der Mutter Erde.
Die Yoruba in Nigeria feiern alljährlich
ein Fest zu Ehren der Mütter, das sich grundsätzlich
von unseren Muttertagsaktivitäten unterscheidet: Es heißt
Geledé. Dabei verkleiden sich Männer als Frauen, schnallen
sich übergroße Brüste und Hinterteile um, die
als Attribute weiblicher Schönheit gelten, und benützen
weitere weibliche Accessoires wie Babytragetücher. Sie bemühen
sich mit ihren Tänzen, die Mütter zu besänftigen
und sich ihres Wohlwollens zu versichern, da sie um die Macht
der weisen Alten Bescheid wissen, um ihre geistige Kraft und um
ihre mächtigen Verbündeten in der Welt der Geister.
Wenn an dieser Sichtweise etwas dran sein sollte,
wenn Weiber, die zu sich und ihrem Potential in jeder Lebensphase
stehen, mit den Jahren immer souveräner, unabhängiger
und stärker werden, ist es nicht verwunderlich, daß
sie damit auch für manche immer unheimlicher und beängstigender
werden. Dann wäre es durchaus nachvollziehbar, warum Männer
in patriarchalen Strukturen dafür gesorgt haben, daß
ihre Frauen gar nicht in die Situation kommen können, diese
ihre Macht zu spüren und in ihrem eigenen Interesse einzusetzen.
Soll heißen, die Unterdrückung, die Frauen noch immer
in vielen Ländern begegnet, ist nicht die Reaktion auf ihre
Unbeholfenheit und Schwäche, sondern vielmehr auf die große
Kraft, die in ihnen steckt und zur Entfaltung drängt.
Weiber müssen zusammenhalten, sich gegenseitig
achten und unterstützen. In jeder Lebensphase, aber ganz
besonders im Alter. Schließlich überleben viele ihre
männlichen Partner und Verwandten, daher ist es sinvoll,
sich zusammenzutun und manches gemeinschaftlich zu organisieren.
Weiber kennen und erkennen einander, sie können sich auf
ihre Kraft verlassen, aber einander auch beistehen, wenn es nottut.
Wenn uns das gelingt, tragen wir unser Lebensgefühl auch
nach außen und stärken damit andere. Und es verleiht
uns selbst und unserem ganzen Geschlecht Würde, wenn wir
strahlend und souverän unser Schicksal meistern. Wir sind
die großartigen, wunderbaren, mächtigen Repräsentantinnen
der Großen Mutter, aus deren Schoß alles Leben geboren
wird. Das dürfen wir nie vergessen!!! |