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Seit
einiger Zeit beschäftige ich mich mit den Denkmustern, den persönlichen
Wahrheiten zum Thema „Arbeit“, den bewußten und den unbewußt übernommenen.
Ich gehe nämlich grundsätzlich davon aus, daß unsere Glaubenssätze
bezüglich bestimmter Lebensbereiche ganz wesentlichen Einfluß
darauf haben, wie wir mit diesen in der materiellen Welt zurechtkommen.
Wie gut wir sie gestalten und wie wohl wir uns damit fühlen können.
Ob wir in Di-Streß geraten und darunter leiden, Energie verlieren
oder, ganz im Gegenteil, sogar Kraft daraus beziehen.
Es
ist ganz erstaunlich, daß so viele Mitbürger von ihrer beruflichen
Tätigkeit frustriert sind, sie gering schätzen und tunlichst einzuschränken
trachten - wozu einem kreativen Kopf in einem Sozialstaat einiges
einfallen kann -, aber sofort Sturm laufen, sobald ihr ungeliebter
Arbeitsplatz gefährdet scheint. Dann machen sie Gott und die Welt,
Regierung und Gewerkschaften im Allgemeinen und ihre Vorgesetzten
im Speziellen dafür zuständig, daß sie diese so mißachtete, unangenehme
Beschäftigung weiter behalten können.
Auf
die Arbeit schimpft man nur so lange, bis man keine mehr hat.
Sinclair Lewis, amerikan. Schriftsteller (1885 - 1951)
So
einfach, daß es sich dabei nur um die unentbehrliche Erwerbsquelle
handelt, die man aus existentiellen Notwendigkeiten nicht missen
möchte, scheint mir die Interpretation dieses widersprüchlichen
Verhaltens nicht zu sein. Sonst müßten doch Leute ohne Arbeit
- zumindest solange ihr Unterhalt gewährleistet ist - und Pensionisten
glückliche Menschen sein. Tatsache ist aber, daß Arbeitslosigkeit
Menschen in Depressionen stürzen und der Pensionsantritt sie mit
dem berühmt-berüchtigten Schock konfrontieren kann. Und das keineswegs
nur in Ausnahmefällen. Bedeutet das etwa, daß Arbeit viel mehr
ist als nur entfremdete Tätigkeit, die zur Finanzierung der alltäglichen
Notwendigkeiten und darüber hinaus mancher Vergnügen, Reisen oder
Hobbys dient?
Wir
verdienen unseren Lebensunterhalt mit dem, was wir nehmen, aber
wir verdienen unser Leben mit dem, was wir geben.
unbekannter Verfasser
Mir
ist aufgefallen, daß es nirgends so viel Arbeitsunlust gibt wie
in den Industrienationen, also gerade dort, wo es am ehesten geregelte
soziale Strukturen und den Schutz der Arbeitnehmer und ihrer Rechte
gibt. Eine Folge der Entfremdung und Fremdbestimmung im Arbeitsprozeß,
des Mangels an Identifikation mit dem Unternehmen oder dem Produkt?
Oder vielleicht auch die Konsequenz aus einem Gefühl von Neid
und Mißgunst, aus dem Mangel an Selbstverantwortung, ja sogar
aus einer gewissen existentiellen Unterforderung?
Zu
beobachten ist jedenfalls, daß die Werte eines proletarischen
Bewußtseins, wie zum Beispiel Stolz auf die eigene Leistung, aber
auch Solidarität, zunehmend schwinden, daß populistische Slogans
von den bösen Ausländern, die sich bei uns ins gemachte Nest setzen
wollen, bei Wahlen Wirkung zeigen und daß Krankheitsbilder, die
mit einer unbefriedigenden Lebenssituation gekoppelt sind, häufiger
auftreten.
Natürlich
könnte man einwenden, daß Geld allein eben nicht glücklich mache,
daß viele Menschen ihr oft recht bescheidenes Einkommen daraus
beziehen, entwürdigende Arbeiten zu verrichten oder nutzlose Gegenstände
zu produzieren. Was sollte ihnen da Befriedigung und Selbstwertgefühl
verschaffen? Wie sollte es die vielzitierte Regalbetreuerin im
Supermarkt wohl bewerkstelligen, ihre Tätigkeit als wichtig, wesentlich
und sinnstiftend zu betrachten?
Ich
glaube, daß die verbreiteten Denkmuster zu Arbeit und Beruf ihre
Wurzeln in weit zurückreichenden Dogmen und Konzepten haben. Zum
Beispiel in dem, was von kirchlichen Institutionen im Sinne der
Erhaltung der bestehenden Systeme und Machtverhältnisse, aus den
Texten der Bibel herausgelesen worden ist. Wußten Sie denn, daß
im ersten Buch Moses ausdrücklich steht, Gott habe Adam und Eva
den Garten Eden übergeben, „damit sie ihn bebauten und hüteten“,
also darin arbeiteten? Manche Menschen meinen wahrscheinlich nach
wie vor, die Verpflichtung zur Arbeit habe etwas mit der Vertreibung
aus dem Paradies zu tun, mit der Bestrafung für das verhängnisvolle
Nichteinhalten gewisser Gebote, und stellen sich das Paradies
als eine Mischung aus einem nicht endenwollenden All-inclusive-Cluburlaub
zum Nulltarif und dem Schlaraffenland vor. Wahr ist laut Genesis
vielmehr, daß Gott selbst am siebten Schöpfungstag von allen seinen
Werken, soll heißen, von seiner anstrengenden Tätigkeit ausruhte,
daß Arbeit von Anfang an als integraler, wenn auch kräfteraubender
Bestandteil des Lebens gesehen wurde.
Und
außerdem: Was spricht denn prinzipiell dagegen, sich auch einmal
anzustrengen? Natürlich kann es jederzeit passieren, daß Sie Ihr
Brot „im Schweiße Ihres Angesichtes“ verdienen, aber das ist ja
nichts Schlimmes. Im Fitneßstudio oder in der Sauna schwitzen
Sie ja auch, und das ganz und gar freiwillig und gerne! Ja, Sie
zahlen sogar noch dafür! Außerdem kann Anstrengung sogar im beruflichen
Kontext durchaus als lustvoll und befriedigend erlebt werden,
„rechtschaffen müde“ ist nicht dasselbe wie „gestreßt“.
Der
größte Fehler der Neuzeit besteht darin, zwischen Freizeit und
Arbeitszeit zu trennen. Produktive Arbeit wird durch diese Anschauung
unterdrückt und viele Möglichkeiten bleiben ungenutzt.
Max Putzler, deutscher Unternehmer (1915 - 1998)
Was
ist nun also gemäß unserer gängigen Auffassung Arbeit? Ich gebe
Ihnen zwecks Illustration ein kleines Beispiel: Angenommen, jemand
baut ein Regal. Wenn er dafür bezahlt wird und diese Aufgabe gewohnheitsmäßig
und mit den entsprechenden Kenntnissen durchführt, würden die
meisten Menschen diese Tätigkeit sicherlich als Arbeit bezeichnen.
Sobald er nichts dafür bekommt und das Regal zwar ungern, aber
einer gewissen Einsicht und Notwendigkeit gehorchend zusammensetzt,
leistet er Arbeit. Auch das würden die meisten unserer Mitbürger
unterschreiben. Worum handelt es sich aber, wenn jemand freiwillig,
unentgeltlich und gerne Regale konstruiert? Um Arbeit oder um
ein Hobby? Sind wir nur dann berechtigt, unsere Beschäftigung
Arbeit zu nennen, wenn wir sie für Geld oder zumindest mit einigem
Widerwillen erledigen?
Diese
Überlegung führt mich weiter zu der Frage: Wofür wird ein arbeitender
Mensch eigentlich bezahlt? Für das perfekt gestaltete, funktionelle
Möbelstück (ich bin immer noch beim Regal) oder dafür, daß er
sich überwunden und durchgerungen hat, das verflixte Ding zusammenzustellen,
obwohl er in derselben Zeit viel lieber etwas Anderes gemacht
hätte? Für seine Leistung als Tischler oder als Inneren-Schweinehund-Bezwinger?
Ist Lohn und Gehalt eine Abgeltung für durchgeführte Arbeit, die
erfolgreich abgeschlossen wurde, oder eigentlich viel eher eine
Art „Schmerzensgeld“, das den angestauten Frust und das Leiden
an der Tätigkeit an sich und den Umständen drum herum ausgleichen
soll und muß?
Die
Geschichte mit dem Regal ist insofern nur begrenzt repräsentativ,
als es natürlich viele Menschen gibt, die ihre Arbeit an Fließbändern,
unter belastenden Umständen wie Lärm, Schmutz, Abgase, Dämpfe
oder Staub oder in entwürdigenden Strukturen verrichten. Das weiß
ich natürlich. Es liegt mir fern zu sagen, alle diese Personen
seien selber schuld, dumm und unfähig und hätten eben nichts Besseres
verdient. Allerdings denke ich sehr wohl, daß viele junge Leute
gemäß ihren Denkmustern die Weichen früh falsch stellen, Ausbildungen
abbrechen, sich mehr für die „Kohle“ im Hier und Jetzt als für
die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit und mehr für die Freizeit,
die sie sich via Arbeit finanzieren, als für ihren beruflichen
Werdegang interessieren. Damit will ich sagen, daß Kinder ihre
Einstellung zur Arbeit bereits im Elternhaus von Erwachsenen übernehmen,
vielleicht auch noch von Lehrern unterrichtet werden, die ihren
Beruf ungern ausüben und so in ein Fahrwasser geraten, in dem
sie nur noch einen Bruchteil ihrer Fähigkeiten und Talente entfalten
können. (Eine Lehrerin hat mir von einer Äußerung berichtet, die
am ersten Tag eines neuen Schuljahres im Lehrerzimmer gefallen
war: „Dieses Jahr zieht sich schon wieder...“)
Mir
geht es auch nicht darum, den Weg eines Menschen gering zu schätzen
oder zu bewerten, mir liegt aber viel daran, Möglichkeiten und
Perspektiven aufzuzeigen, das Spektrum der zulässigen Vorstellungen
zu erweitern. Bei allem Verständnis für die oftmals wenig zufriedenstellenden
Arbeitsverhältnisse, sie sind nicht getrennt von einer landläufig
verbreiteten Einstellung zum Thema zu betrachten. Und jeder fängt
am besten bei sich selber an, die Welt zu verbessern. Darauf zu
warten, daß doch diese oder jene Persönlichkeiten an den jeweiligen
Hebeln der Macht ein Einsehen haben müßten, bevor man selbst den
ersten Schritt zur Veränderung wagt, kann sich als großes Hindernis
für das eigene Leben erweisen.
Ob
Sie glauben, daß Sie etwas können, oder nicht – beide Male haben
Sie recht.
Henry Ford, amerikan. Industrieller (1863 - 1947)
Im
Denkmodell HUNA, der Philosophie der hawaiianischen Schamanen,
geht man davon aus, daß die Außenwelt immer die Innenwelt spiegelt,
daß es daher einer inneren Veränderung bedarf, wenn sich außen
etwas verbessern soll. Diesem Weltbild entsprechend macht es Sinn,
sich die eigenen Vorstellungen und Erwartungen genau und ehrlich
anzusehen und notfalls umzukrempeln, um sich selbst dadurch zusätzliche
Türen zu öffnen und neue Chancen wahrzunehmen. Das erfordert einigen
Mut! Schließlich ergeben sich aus der Tatsache, daß man sich geistig
von den mehrheitlich vertretenen Gedankensystemen entfernt, möglicherweise
Konsequenzen auf allen Ebenen, auch im privaten Umfeld. Aber gleichzeitig
kann das ein Aufbruch zu neuen Ufern, zu erfüllten Beziehungen,
zu ungeahnten Abenteuern, zu Freude und Lebendigkeit sein. „No
risk, no fun!“ läßt sich auch so interpretieren.
Wenn
Sie tun, was alle tun, werden Sie haben, was alle haben. unbekannter
Verfasser
Wenn
jemand seinem Denkmodell zum Thema „Arbeit“ nachspürt, sollte
er fürs erste nichts als gegeben nehmen und die „Arbeitshypothese“
akzeptieren, daß es in der jetzigen Situation auch allerhand Gutes
gibt, vieles, das durchaus den eigenen Bedürfnissen entspricht.
Alles in unserer Welt hat eben Vor- und Nachteile, in allen Bereichen
drückt sich das Prinzip der Polarität aus. In den meisten Fällen
beschäftigen sich Arbeitnehmer hauptsächlich mit dem, was Sie
im Moment stört, irritiert oder belastet. Ich frage hingegen:
Worin bestehen die positiven Aspekte Ihrer Beschäftigung und des
zugehörigen Umfelds? Wie wichtig ist Ihnen die Sicherheit eines
Angestelltenverhältnisses und wie erginge es Ihnen, wenn Sie weder
bezahlten Urlaub noch Krankenstand in Anspruch nehmen könnten?
Gefällt es Ihnen, jeden Tag den gleichen Arbeitsplatz aufzusuchen,
wo Ihnen Kollegen, Räumlichkeiten und Tätigkeit vertraut sind,
oder sind Sie eher ein Abenteurer und können gut mit Ungewißheit,
Herausforderung und neuen Konstellationen umgehen? Sind Sie ein
Tüftler, dem die Kollegen nicht so wichtig sind, oder ein typisches
Teammitglied, das in der Zusammenarbeit mit anderen erst zur Höchstform
aufläuft? Wieviel Verantwortung möchten Sie gerne übernehmen?
Sind Sie bereit, für Entscheidungen einzustehen und Ihren Kopf
hinzuhalten? Wieviel Routine ist Ihnen angenehm? Möchten Sie,
daß Ihre Arbeitszeit geregelt ist oder bevorzugen Sie unterschiedlich
intensive Perioden, wie sie zum Beispiel bei Projekten in der
Baubranche oder im Kulturbereich anfallen? Brauchen Sie die Gewähr,
daß Sie sich auch im Fall von Arbeitslosigkeit auf ein soziales
Netz verlassen können, oder sind Sie der Überzeugung, daß Ihnen
immer irgendetwas Nützliches zu tun einfällt? Es geht hierbei
nicht darum, was „man“ tut, kann oder nicht. Jeder Mensch sollte
angesichts dieser Überlegungen ganz bei sich und seinen Bedürfnissen
bleiben.
Wie
auch immer sich jemand entscheidet - es gibt konstruktive Lösungen.
Nur entscheiden muß man sich eben. Schließlich können wir alle
uns nur schwer vorstellen, daß jemand gleichzeitig in jeder Weise
abgesichert und frei wie ein Vogel, allein und ungestört und voll
in ein Team integriert sein kann. Und was man sich nicht in detailreichen,
sinnlichen Bildern, quasi realistisch ausmalen kann, was man nicht
für erreichbar hält und sich nicht zutraut, läßt sich in der alltäglichen,
materiellen Wirklichkeit auch nicht umsetzen. Die Begrenzung unserer
Möglichkeiten existiert zuvörderst im Kopf, in unserem Denken.
Hat
man nun herausgefunden, was einem im beruflichen Kontext wichtig
ist und sich für die entsprechenden Denkmuster entschieden, hat
man damit natürlich auch die Kehrseite der Medaille akzeptiert.
Es bringt überhaupt nichts, mit der Polarität, mit den zugehörigen
Nachteilen zu hadern, denn solange wir uns in einem menschlichen
Körper befinden, leben wir auch im Spannungsfeld zwischen den
Polen. Tag - Nacht, hell - dunkel, heiß - kalt, Krieg - Frieden,
gesund - krank, Mann - Frau, jung - alt, oben - unten, groß -
klein, innen - außen, Winter - Sommer, Arbeit - Muße und viele
andere Begriffspaare definieren unser Leben in jedem Augenblick.
Ein Begriff erklärt sich jeweils nur aus dem Gegenteil, ist ohne
sein Gegenüber nicht denkbar. Am besten geht es uns, wenn wir
die Vorteile der gewählten Situation nie aus den Augen verlieren,
wenn wir ganz bewußt unser Hauptaugenmerk auf das lenken, was
uns Freude macht, uns stärkt und unterstützt, was wir positiv
bewerten, schätzen und anerkennen können. Damit reduzieren wir
zuverlässig den Streß, der ja ebenfalls Teil unseres persönlichen
Empfindens, unseres subjektiven Erlebens ist. Schließlich machen
nicht Ereignisse an sich Streß, sondern unsere Bewertung derselben
und der Widerstand, der daraus resultiert.
Nimm
Dein Leben in Deine eigenen Hände, und was passiert? Etwas Schreckliches:
Es gibt niemanden mehr zu beschuldigen.
Erica Jong, amerikan. Schriftstellerin (geb.1942)
Hat
sich angesichts dieser Überlegungen herausgestellt, daß die momentane
Lage eigentlich ganz passabel ist - wunderbar. Sollte jemand jedoch
zu dem Schluß gekommen sein, daß die Nachteile bei weitem überwiegen,
gibt es nur zwei konstruktive Auswege, je nachdem, ob sich diese
Person vorstellen kann, daß eine Veränderung in der Außenwelt
möglich ist oder nicht. Im ersteren Fall bietet es sich an, die
gewünschte Veränderung durchzuführen und sich damit mehr Wohlbefinden
zu verschaffen. Im letzteren hilft es, die Denkmuster dahingehend
umzugestalten, daß man nicht mehr ständig in Konflikt mit der
für unveränderbar gehaltenen Situation gerät. Anderenfalls macht
man vor allem sich selbst und vielleicht sogar auch dem Umfeld
das Leben zur Hölle. Das hat nichts mit Resignation zu tun, sondern
mit dem bewußten und verantwortlichen Umgang mit sich selbst und
der eigenen Kraft. Niemandem ist geholfen, wenn wir uns selbst
fertig machen.
Freude
an der Arbeit läßt das Werk trefflich geraten.
Aristoteles, griech. Philosoph
(384 - 322 v.Chr.)
Zurück
zur „Arbeit“, zu dem, was die meisten Menschen in unserer Kultur
damit assoziieren: Wenn Arbeit etwas ist, was man absolvieren
muß, um mit dem verdienten Lohn seinen Lebensunterhalt zu bestreiten,
was aber an sich wenig erfreulich, sinnvoll und befriedigend ist,
wird sie leicht zur Belastung, zur Strapaze, zu etwas, dem man
gerne ausweichen, dem man sich so weit wie möglich entziehen möchte.
Durchaus nachvollziehbar.
Die
Folgen dieser Definition sind vielfältig:
1.
Arbeit, die man nicht gerne tut, führt zu schlechteren Resultaten.
Weil im Widerstand gegen die unliebsame Tätigkeit ziemlich viel
Energie gebunden ist, fehlt sie dort, wo sie gebraucht würde.
Die Bezeichnung „Montagsarbeit“ für Gegenstände mit Produktionsfehlern
hängt einerseits mit dem größeren Widerstand zu Wochenbeginn,
aber auch mit der Erschöpfung zusammen, unter der viele Arbeitnehmer
nach einem Wochenende im Freizeitstreß, an dem sich alles ereignen
mußte, was ihnen sonst abgeht (das „wirkliche“ Leben nämlich),
leiden. Schlechte Arbeitsergebnisse führen zu noch mehr Frustration,
weil man aus ihnen keinerlei Befriedigung und Selbstbestätigung
beziehen kann.
2.
Arbeit, die man nicht gut ausführt, verhindert das berufliche
Fortkommen. Arbeitsunlust trägt weder zur Weiterentwicklung des
Arbeitnehmers noch zur Anerkennung und Beförderung durch Vorgesetzte
bei. Auch einem Handwerker oder Freiberufler, der seine Aufgaben
mangelhaft erledigt, werden die Kunden weglaufen. Das hat nicht
nur zur Folge, daß das Arbeitsleben an sich unerquicklich ist,
es wirkt sich selbstverständlich auch auf die Einkommenslage destruktiv
aus. „Erfolg ist das - quasi unvermeidbare - Nebenprodukt von
Arbeit, die man gerne tut“, hat ein gescheiter Mensch einmal formuliert.
3.
Ständiger Ärger, Konflikte und Frustration wirken sich nicht nur
auf der professionellen Ebene kontraproduktiv aus, sie schaden
auch der Gesundheit. Es ist nämlich keineswegs so, daß Menschen,
die sich nicht zu Tode rackern, sondern eher bemüht sind, eine
„ruhige Kugel“ zu schieben, die geringste Anzahl an Erkrankungen
aufweisen. Ganz im Gegenteil. Womit ich allerdings auch nicht
ausgedrückt haben will, daß ich Führungskräfte, Manager, die Tag
und Nacht dem Erfolg nachlaufen und Konkurrenten bekämpfen, für
harmonischer an Leib und Seele halte. Menschen auf den oberen
Stufen der Hierarchie können genauso unglücklich sein, sich an
fragwürdigen Kriterien orientieren und in gewisser Weise entfremdet
arbeiten wie ihre Untergebenen. Das hat mit der Einkommenslage
und dem Sozialprestige nur sehr bedingt zu tun. Nicht umsonst
gibt es „Managerkrankheiten“.
Ich
glaube, daß auf der Welt viel zu viel gearbeitet wird und daß
unermeßlicher Schaden hervorgerufen wird durch die Überzeugung,
Arbeit sei an sich schon etwas Tugendhaftes.
Bertrand Russell, engl. Mathematiker und Philosoph (1872 - 1970)
Vieles
spricht also dafür, die persönliche Arbeitssituation konstruktiv
zu gestalten oder sich zumindest auf Aspekte davon zu konzentrieren,
die sich gut anfühlen, die man anerkennen und schätzen kann. Das
heißt im Klartext, es geht darum, für sich selbst eine neue Definition
des Begriffes „Arbeit“ zu erstellen. Arbeit ist nicht nur Mühe,
Anstrengung, Durchführung von Aufträgen, Auseinandersetzung mit
unangenehmen Chefs oder Kollegen, Zwang, Disziplin, Früh-aufstehen-müssen,
Schmachten in Sonnenschein und Hitze, Frieren bei Regen oder Schnee,
Mangel an Identifikation mit dem Produkt, Kontrolle, Sinnlosigkeit,
Monotonie, Langeweile, Verwirrung, Angst, Machtlosigkeit, Unsicherheit,
Isolation und Selbstentfremdung, geistige Unterforderung, Selbstaufgabe,
Aufopferung und ähnliches...
Arbeit
kann auch Befriedigung, Sinnstiftung, Nutzen für die Allgemeinheit,
Gemeinschaft, Konzentration, Kollegen und Freunde treffen, Kommunikation,
neue Leute kennenlernen, Freude am Tun, Pausen, Lachen, Information,
Weiterbildung, Anerkennung, Herausforderung, Kreativität, Verantwortung,
Selbstverwirklichung, Struktur, Gestaltung, Wohlstand, Freiheit,
Unabhängigkeit, Dialog, Kompetenz bedeuten...
Welcher
Arbeit Sie auch in Ihrem Leben nachgehen, machen Sie sie gut...
Wenn Ihre Aufgabe darin besteht, die Straßen zu fegen, dann fegen
Sie, wie Michelangelo malte, wie Shakespeare Gedichte schrieb
und wie Beethoven komponierte. Fegen Sie die Straßen so, daß all
die himmlischen und auch die irdischen Heerscharen innehalten
und sagen: Er lebte als ein großer Straßenfeger und er hat seine
Arbeit gut gemacht.
Martin Luther King, amerikan. Bürgerrechtler und Baptistenpfarrer
(1929 - 1968)
Es
ist keineswegs klar, welche Arbeit Spaß macht und daher gerne
verrichtet wird und welche nicht. Selbst Wissenschaftler sind
schon verblüfft worden, wenn sie mit der vorgefaßten Meinung,
eine bestimmte Art von Tätigkeit sei besonders anstrengend und
belastend, an eine Untersuchung herangegangen waren und dann feststellen
mußten, daß sich auch unter solchen Umständen Leute fanden, die
ihren Beruf gerne und mit Freude ausübten. Mir persönlich ist
einmal eine Frau begegnet, die mir glaubhaft versicherte, sie
arbeite gerne auf der Hühnerfarm, wo sie Eier sortierte. Hätten
Sie gedacht, daß es so etwas gibt? Zwischen all den degenerierten
Hühnern, dem Mist und Gestank? Gründe dafür waren ihre Kolleginnen,
mit denen sie jeden Tag gute Gespräche führte, und die Unabhängigkeit,
die ihr ein eigenes Einkommen verschaffte.
Dieselben
Auswirkungen von Gedankenmustern und der persönlichen Einstellung
zu einem Thema läßt sich übrigens schon in der Schule beobachten.
Daß die äußere Wirklichkeit immer ein Abbild der inneren ist,
zeigt sich auch dort. Schüler, die Probleme in ihrem Unterrichtsalltag
haben, definieren „Schule“ als eine Ansammlung von unangenehmen
Faktoren. Dazu gehören Fächer wie Mathematik und Fremdsprachen,
wie Biologie oder Geschichte, aber auch ungerechte Lehrer, der
Zwang zu Pünktlichkeit und Disziplin, Schularbeiten, Hausaufgaben,
feindliche Cliquen unter den Schulkollegen, sich blamieren, ausgelacht
werden, ganz allgemein Mangel an sozialer Akzeptanz und vieles
mehr. Eine mit mir befreundete Lehrerin hat ihre Schüler darauf
aufmerksam gemacht, daß „Schule“ aber auch heißt: singen, zeichnen,
turnen, Freunde treffen, Pausen, in denen es lustig zugeht, gemeinsam
Lehrer ärgern, zusammenhalten, sich gegenseitig einsagen, positive
Ergebnisse erreichen, interessante Informationen erhalten und
so weiter.... Die Frage stellt sich auch hier: Haben gute Schüler
allen Anlaß, gerne in die Schule zu gehen, und schlechte nicht?
Drückt sich in den Assoziationen und Bewertungen die jeweilige
Situation der Schüler aus, ist sie also das Resultat der gesammelten
Erfahrungen? Oder könnte es nicht auch da umgekehrt laufen?
Kurios
ist, daß es schon unter Volksschülern zum „politisch korrekten“
Verhalten gehört, auf die Schule zu schimpfen, unabhängig davon,
ob sie dort wirklich Unerfreuliches erleben oder nicht, ob sie
sich im Unterricht leicht tun oder nicht. Und das zieht sich dann
bei vielen Leuten durch ihre gesamte berufliche Karriere. Alle
unguten Erlebnisse bestätigen die vorgefaßte Meinung, und alle
freundlichen werden für zufällig gehalten und ändern nichts an
der Einschätzung.
Wenn
wir davon ausgehen, daß die Materie immer dem Geist folgt und
nicht umgekehrt, erfüllen sich Schüler mit einer negativen Erwartung
eben diese, beziehungsweise auch die Vorstellungen ihrer Umgebung,
vor allem dann, wenn ihnen die entsprechenden Personen wichtig
sind. Das gilt im übrigen natürlich genauso für erwachsene Menschen.
Das
Denkmodell, daß Arbeit tendenziell mühsam und unerfreulich sei
und daß einem eine entsprechende Honorierung nur als Ausgleich
für die erlittene Unbill zustehe, hat oft sogar Auswirkungen bei
denjenigen, die sich für einen Beruf ganz nach ihrem Herzen, ihrer
Neigung und Überzeugung entschieden haben. Es ist nämlich auffällig,
daß viele Künstler, Therapeuten, die komplementärmedizinisch ausgerichtet
sind, und Kinderbetreuer außerhalb der Institutionen - um nur
einige anzuführen - kaum genug zum Überleben verdienen. Ihnen
macht ihre Arbeit Spaß, sie verrichten sie gerne, erlangen gute
Resultate und fühlen sich wohl dabei. Sie leiden nicht unter ihrem
Tagewerk, daher steht ihnen auch kein „Schmerzensgeld“ zu. Dafür,
daß sie sich selbst verwirklichen und sich daran freuen, können
sie doch nicht auch noch Geld verlangen, oder?
Andererseits
gebe ich zu bedenken, siehe oben, daß doch die meisten von Ihnen
davon überzeugt sind, daß nur derjenige seine Arbeit gut macht,
der sie gerne macht. Und daß Sie selbst sich nicht an einen Masseur
oder Tischler wenden würden, von dem Sie wissen, daß er seine
Tätigkeit haßt. Sie würden auch nicht in ein Restaurant gehen,
wo das Küchenpersonal seinen Frust in jede Mahlzeit hineinkocht,
oder dort einkaufen, wo Ihnen jemand die Artikel lieblos und geringschätzig
präsentiert. Stimmt´s? Das heißt, Sie selbst möchten sehr wohl
von Menschen versorgt oder betreut werden, die ihre Arbeit gerne
und gut tun. Das läßt den Schluß zu, daß es anderen ebenso geht.
Daß unsere Mitbürger und Kunden - zu Recht - auch von uns erwarten,
daß wir das Notwendige und Vereinbarte mit Freude und Engagement
erledigen.
Aber:
Wenn man sich darauf einläßt, Arbeit als einen wichtigen und erfüllenden
Bereich des eigenen Lebens zu betrachten, verliert man dann den
Anspruch auf ein angemessenes Einkommen, eben das „Schmerzensgeld“?
Und wenn nicht, die Kunden? Also was jetzt? - Widersprüche über
Widersprüche.
Arbeit
ist die einzige Entschuldigung für Erfolg.
Helmar Nahr, deutscher Mathematiker und
Wirtschaftswissenschaftler (geb. 1931)
Manche
Menschen lieben ihren Beruf und befassen sich gerne intensiv damit,
wollen aber nicht in die Denkmusterfalle geraten, daß sie demzufolge
am Hungertuch zu nagen haben. Sie wählen, oft unbewußt, die Strategie,
ihre Arbeitstage bis in die Nacht dauern zu lassen, und finden
tausend Begründungen, daß das eben der Preis für Erfolg sei. Auf
diese Weise organisieren sie sich doch noch genügend „Leiden“,
um ohne schlechtes Gewissen eine überdurchschnittliche Entlohnung
annehmen zu können.
Wer
nicht rasten kann, kann auch nicht arbeiten.
Harry
Emerson Fosdick, amerikan. Geistlicher
(1878
- 1969)
Eine
Tücke in unserem wirtschaftlichen System besteht darin, daß die
meisten Menschen in Firmen fernab der Kunden, Klienten oder Konsumenten
tätig sind und Produkte erzeugen, deren Weg sie nicht weiterverfolgen
können. Soll heißen, das direkte Feedback, positiv wie negativ,
erreicht sie nicht. Daraus schließen manche Leute, daß es vollkommen
egal sei, mit welcher Emotion sie ihre Pflichten erfüllen. Hauptsache,
sie erfüllen sie so, daß ihnen ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt.
Wenn wir allerdings davon ausgehen, daß wir immer ernten, was
wir säen, gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Denkmuster,
mit dem wir einer Situation begegnen, und dem Ergebnis auf materieller
und immaterieller Ebene. Zufriedenheit, soziales Eingebundensein
und Erfolg, Streß oder Ausgeglichenheit haben eben auch damit
zu tun, mit welcher Einstellung und Erwartung Aufgaben angegangen
werden.
Alles
ist interessant, wenn man sich wirklich eingehend damit befaßt.
Richard P. Feynman, Nobelpreisträger für Physik, (1918
- 1988)
Im
Klartext heißt das ganz einfach, es ist sinnvoll, die Verantwortung
für die eigene Befindlichkeit in allen Lebenslagen zu übernehmen.
Wir selbst entscheiden nämlich, für wie wertvoll oder sinnlos
wir unsere Tätigkeit halten und welche Aspekte wir in den Mittelpunkt
unserer Aufmerksamkeit rücken. Wir haben die Wahl, uns Tag für
Tag über dieselben Kollegen oder die mangelhaften Führungsqualitäten
des Chefs aufzuregen - oder unsere Energie in die Verbesserung
eines Arbeitsgangs oder die Umgestaltung unseres unmittelbaren
Umfelds zu investieren. Wir können, um es in einer bekannten Metapher
auszudrücken, uns über die bereits halbleere Flasche beklagen
oder uns darüber freuen, daß sie noch immer halbvoll ist.
Gehe
in deiner Arbeit auf, nicht unter. Jacques
Tati , französischer Schauspieler (1908 - 1982)
Jede
Arbeit kann zu etwas nütze sein, in jeder Arbeitssituation gibt
es Details, die in Ordnung, von Vorteil und anerkennenswert sind.
Wenn wir es als kreative Herausforderung betrachten, diese zu
finden, zu stärken und zu entwickeln, werden wir feststellen,
daß diese neue Ausrichtung ebenso zu einer Art Eigendynamik führt
wie Ablehnung, Frust und Destruktion, diesmal aber in Richtung
Befriedigung, Anerkennung und Erfolg, weil uns die Außenwelt auch
diese neue Einstellung spiegeln wird, weil wir dadurch auch die
Aufmerksamkeit der anderen auf das lenken, was gelingt und gut
funktioniert.
Mein
ganzes Leben lang betrachte ich als wahre Helden nur diejenigen,
die die Arbeit lieben und zu arbeiten verstehen. Diejenigen, die
alle Kräfte des Menschen für schöpferische Arbeit, für die Verschönerung
unserer Erde und für die Schaffung menschenwürdiger Lebensformen
auf ihr freimachen wollen.
Maxim Gorkij, russischer Dichter (1868 - 1936)
Tatsache
ist, daß wir vier Jahrzehnte lang viele Stunden unseres Lebens
mit einer Tätigkeit verbringen, die man üblicherweise „Arbeit“
nennt. Denken Sie nicht auch, daß es sich lohnt, diese Zeit erfreulich
und fruchtbar zu gestalten? Oder kennen Sie einen einzigen Fall,
wo das Gegenteil, das frustrierte Abdienen dieser langen Periode,
irgendeinem Wesen auf diesem Planeten - Mensch, Tier oder Pflanze
- genützt hat?
Lassen
Sie mich schließen mit einem Zitat des
amerikanischen Philosophen und Dichters Ralph W. Emerson (1803-1882):
Erfolg
heißt: Oft und viel lachen; die Achtung intelligenter Menschen
und die Zuneigung von Kindern gewinnen; die Anerkennung
aufrichtiger Kritiker verdienen und den Verrat falscher Freunde
ertragen; Schönheit bewundern, in anderen das Beste finden; die
Welt ein wenig besser verlassen,
ob durch ein gesundes Kind, ein Stückchen Garten oder einen
kleinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft; wissen, daß
wenigstens das Leben eines anderen Menschen leichter war, weil
du gelebt hast. Das bedeutet, nicht umsonst gelebt zu haben.
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