Im Schweiße deines Angesichts...

 

 

   
  IM SCHWEISSE DEINES ANGESICHTS..."

Grundsätzliches zum Thema Arbeit


Vortrag von Eva Ulmer-Janes, gehalten am 17. Oktober 2002, anläßlich der AUVA-Tagung zum Thema „Arbeit und Muße“
   
 

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit den Denkmustern, den persönlichen Wahrheiten zum Thema „Arbeit“, den bewußten und den unbewußt übernommenen. Ich gehe nämlich grundsätzlich davon aus, daß unsere Glaubenssätze bezüglich bestimmter Lebensbereiche ganz wesentlichen Einfluß darauf haben, wie wir mit diesen in der materiellen Welt zurechtkommen. Wie gut wir sie gestalten und wie wohl wir uns damit fühlen können. Ob wir in Di-Streß geraten und darunter leiden, Energie verlieren oder, ganz im Gegenteil, sogar Kraft daraus beziehen.  

Es ist ganz erstaunlich, daß so viele Mitbürger von ihrer beruflichen Tätigkeit frustriert sind, sie gering schätzen und tunlichst einzuschränken trachten - wozu einem kreativen Kopf in einem Sozialstaat einiges einfallen kann -, aber sofort Sturm laufen, sobald ihr ungeliebter Arbeitsplatz gefährdet scheint. Dann machen sie Gott und die Welt, Regierung und Gewerkschaften im Allgemeinen und ihre Vorgesetzten im Speziellen dafür zuständig, daß sie diese so mißachtete, unangenehme Beschäftigung weiter behalten können.

Auf die Arbeit schimpft man nur so lange, bis man keine mehr hat. Sinclair Lewis, amerikan. Schriftsteller (1885 - 1951)

So einfach, daß es sich dabei nur um die unentbehrliche Erwerbsquelle handelt, die man aus existentiellen Notwendigkeiten nicht missen möchte, scheint mir die Interpretation dieses widersprüchlichen Verhaltens nicht zu sein. Sonst müßten doch Leute ohne Arbeit - zumindest solange ihr Unterhalt gewährleistet ist - und Pensionisten glückliche Menschen sein. Tatsache ist aber, daß Arbeitslosigkeit Menschen in Depressionen stürzen und der Pensionsantritt sie mit dem berühmt-berüchtigten Schock konfrontieren kann. Und das keineswegs nur in Ausnahmefällen. Bedeutet das etwa, daß Arbeit viel mehr ist als nur entfremdete Tätigkeit, die zur Finanzierung der alltäglichen Notwendigkeiten und darüber hinaus mancher Vergnügen, Reisen oder Hobbys dient?  

Wir verdienen unseren Lebensunterhalt mit dem, was wir nehmen, aber wir verdienen unser Leben mit dem, was wir geben. unbekannter Verfasser 

Mir ist aufgefallen, daß es nirgends so viel Arbeitsunlust gibt wie in den Industrienationen, also gerade dort, wo es am ehesten geregelte soziale Strukturen und den Schutz der Arbeitnehmer und ihrer Rechte gibt. Eine Folge der Entfremdung und Fremdbestimmung im Arbeitsprozeß, des Mangels an Identifikation mit dem Unternehmen oder dem Produkt? Oder vielleicht auch die Konsequenz aus einem Gefühl von Neid und Mißgunst, aus dem Mangel an Selbstverantwortung, ja sogar aus einer gewissen existentiellen Unterforderung? 

Zu beobachten ist jedenfalls, daß die Werte eines proletarischen Bewußtseins, wie zum Beispiel Stolz auf die eigene Leistung, aber auch Solidarität, zunehmend schwinden, daß populistische Slogans von den bösen Ausländern, die sich bei uns ins gemachte Nest setzen wollen, bei Wahlen Wirkung zeigen und daß Krankheitsbilder, die mit einer unbefriedigenden Lebenssituation gekoppelt sind, häufiger auftreten.  

Natürlich könnte man einwenden, daß Geld allein eben nicht glücklich mache, daß viele Menschen ihr oft recht bescheidenes Einkommen daraus beziehen, entwürdigende Arbeiten zu verrichten oder nutzlose Gegenstände zu produzieren. Was sollte ihnen da Befriedigung und Selbstwertgefühl verschaffen? Wie sollte es die vielzitierte Regalbetreuerin im Supermarkt wohl bewerkstelligen, ihre Tätigkeit als wichtig, wesentlich und sinnstiftend zu betrachten?  

Ich glaube, daß die verbreiteten Denkmuster zu Arbeit und Beruf ihre Wurzeln in weit zurückreichenden Dogmen und Konzepten haben. Zum Beispiel in dem, was von kirchlichen Institutionen im Sinne der Erhaltung der bestehenden Systeme und Machtverhältnisse, aus den Texten der Bibel herausgelesen worden ist. Wußten Sie denn, daß im ersten Buch Moses ausdrücklich steht, Gott habe Adam und Eva den Garten Eden übergeben, „damit sie ihn bebauten und hüteten“, also darin arbeiteten? Manche Menschen meinen wahrscheinlich nach wie vor, die Verpflichtung zur Arbeit habe etwas mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun, mit der Bestrafung für das verhängnisvolle Nichteinhalten gewisser Gebote, und stellen sich das Paradies als eine Mischung aus einem nicht endenwollenden All-inclusive-Cluburlaub zum Nulltarif und dem Schlaraffenland vor. Wahr ist laut Genesis vielmehr, daß Gott selbst am siebten Schöpfungstag von allen seinen Werken, soll heißen, von seiner anstrengenden Tätigkeit ausruhte, daß Arbeit von Anfang an als integraler, wenn auch kräfteraubender Bestandteil des Lebens gesehen wurde.  

Und außerdem: Was spricht denn prinzipiell dagegen, sich auch einmal anzustrengen? Natürlich kann es jederzeit passieren, daß Sie Ihr Brot „im Schweiße Ihres Angesichtes“ verdienen, aber das ist ja nichts Schlimmes. Im Fitneßstudio oder in der Sauna schwitzen Sie ja auch, und das ganz und gar freiwillig und gerne! Ja, Sie zahlen sogar noch dafür! Außerdem kann Anstrengung sogar im beruflichen Kontext durchaus als lustvoll und befriedigend erlebt werden, „rechtschaffen müde“ ist nicht dasselbe wie „gestreßt“.

Der größte Fehler der Neuzeit besteht darin, zwischen Freizeit und Arbeitszeit zu trennen. Produktive Arbeit wird durch diese Anschauung unterdrückt und viele Möglichkeiten bleiben ungenutzt.   Max Putzler, deutscher Unternehmer (1915 - 1998)

Was ist nun also gemäß unserer gängigen Auffassung Arbeit? Ich gebe Ihnen zwecks Illustration ein kleines Beispiel: Angenommen, jemand baut ein Regal. Wenn er dafür bezahlt wird und diese Aufgabe gewohnheitsmäßig und mit den entsprechenden Kenntnissen durchführt, würden die meisten Menschen diese Tätigkeit sicherlich als Arbeit bezeichnen. Sobald er nichts dafür bekommt und das Regal zwar ungern, aber einer gewissen Einsicht und Notwendigkeit gehorchend zusammensetzt, leistet er Arbeit. Auch das würden die meisten unserer Mitbürger unterschreiben. Worum handelt es sich aber, wenn jemand freiwillig, unentgeltlich und gerne Regale konstruiert? Um Arbeit oder um ein Hobby? Sind wir nur dann berechtigt, unsere Beschäftigung Arbeit zu nennen, wenn wir sie für Geld oder zumindest mit einigem Widerwillen erledigen? 

Diese Überlegung führt mich weiter zu der Frage: Wofür wird ein arbeitender Mensch eigentlich bezahlt? Für das perfekt gestaltete, funktionelle Möbelstück (ich bin immer noch beim Regal) oder dafür, daß er sich überwunden und durchgerungen hat, das verflixte Ding zusammenzustellen, obwohl er in derselben Zeit viel lieber etwas Anderes gemacht hätte? Für seine Leistung als Tischler oder als Inneren-Schweinehund-Bezwinger? Ist Lohn und Gehalt eine Abgeltung für durchgeführte Arbeit, die erfolgreich abgeschlossen wurde, oder eigentlich viel eher eine Art „Schmerzensgeld“, das den angestauten Frust und das Leiden an der Tätigkeit an sich und den Umständen drum herum ausgleichen soll und muß?  

Die Geschichte mit dem Regal ist insofern nur begrenzt repräsentativ, als es natürlich viele Menschen gibt, die ihre Arbeit an Fließbändern, unter belastenden Umständen wie Lärm, Schmutz, Abgase, Dämpfe oder Staub oder in entwürdigenden Strukturen verrichten. Das weiß ich natürlich. Es liegt mir fern zu sagen, alle diese Personen seien selber schuld, dumm und unfähig und hätten eben nichts Besseres verdient. Allerdings denke ich sehr wohl, daß viele junge Leute gemäß ihren Denkmustern die Weichen früh falsch stellen, Ausbildungen abbrechen, sich mehr für die „Kohle“ im Hier und Jetzt als für die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit und mehr für die Freizeit, die sie sich via Arbeit finanzieren, als für ihren beruflichen Werdegang interessieren. Damit will ich sagen, daß Kinder ihre Einstellung zur Arbeit bereits im Elternhaus von Erwachsenen übernehmen, vielleicht auch noch von Lehrern unterrichtet werden, die ihren Beruf ungern ausüben und so in ein Fahrwasser geraten, in dem sie nur noch einen Bruchteil ihrer Fähigkeiten und Talente entfalten können. (Eine Lehrerin hat mir von einer Äußerung berichtet, die am ersten Tag eines neuen Schuljahres im Lehrerzimmer gefallen war: „Dieses Jahr zieht sich schon wieder...“) 

Mir geht es auch nicht darum, den Weg eines Menschen gering zu schätzen oder zu bewerten, mir liegt aber viel daran, Möglichkeiten und Perspektiven aufzuzeigen, das Spektrum der zulässigen Vorstellungen zu erweitern. Bei allem Verständnis für die oftmals wenig zufriedenstellenden Arbeitsverhältnisse, sie sind nicht getrennt von einer landläufig verbreiteten Einstellung zum Thema zu betrachten. Und jeder fängt am besten bei sich selber an, die Welt zu verbessern. Darauf zu warten, daß doch diese oder jene Persönlichkeiten an den jeweiligen Hebeln der Macht ein Einsehen haben müßten, bevor man selbst den ersten Schritt zur Veränderung wagt, kann sich als großes Hindernis für das eigene Leben erweisen. 

Ob Sie glauben, daß Sie etwas können, oder nicht – beide Male haben Sie recht. Henry Ford, amerikan. Industrieller (1863 - 1947) 

Im Denkmodell HUNA, der Philosophie der hawaiianischen Schamanen, geht man davon aus, daß die Außenwelt immer die Innenwelt spiegelt, daß es daher einer inneren Veränderung bedarf, wenn sich außen etwas verbessern soll. Diesem Weltbild entsprechend macht es Sinn, sich die eigenen Vorstellungen und Erwartungen genau und ehrlich anzusehen und notfalls umzukrempeln, um sich selbst dadurch zusätzliche Türen zu öffnen und neue Chancen wahrzunehmen. Das erfordert einigen Mut! Schließlich ergeben sich aus der Tatsache, daß man sich geistig von den mehrheitlich vertretenen Gedankensystemen entfernt, möglicherweise Konsequenzen auf allen Ebenen, auch im privaten Umfeld. Aber gleichzeitig kann das ein Aufbruch zu neuen Ufern, zu erfüllten Beziehungen, zu ungeahnten Abenteuern, zu Freude und Lebendigkeit sein. „No risk, no fun!“ läßt sich auch so interpretieren. 

Wenn Sie tun, was alle tun, werden Sie haben, was alle haben. unbekannter Verfasser 

Wenn jemand seinem Denkmodell zum Thema „Arbeit“ nachspürt, sollte er fürs erste nichts als gegeben nehmen und die „Arbeitshypothese“ akzeptieren, daß es in der jetzigen Situation auch allerhand Gutes gibt, vieles, das durchaus den eigenen Bedürfnissen entspricht. Alles in unserer Welt hat eben Vor- und Nachteile, in allen Bereichen drückt sich das Prinzip der Polarität aus. In den meisten Fällen beschäftigen sich Arbeitnehmer hauptsächlich mit dem, was Sie im Moment stört, irritiert oder belastet. Ich frage hingegen: Worin bestehen die positiven Aspekte Ihrer Beschäftigung und des zugehörigen Umfelds? Wie wichtig ist Ihnen die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses und wie erginge es Ihnen, wenn Sie weder bezahlten Urlaub noch Krankenstand in Anspruch nehmen könnten? Gefällt es Ihnen, jeden Tag den gleichen Arbeitsplatz aufzusuchen, wo Ihnen Kollegen, Räumlichkeiten und Tätigkeit vertraut sind, oder sind Sie eher ein Abenteurer und können gut mit Ungewißheit, Herausforderung und neuen Konstellationen umgehen? Sind Sie ein Tüftler, dem die Kollegen nicht so wichtig sind, oder ein typisches Teammitglied, das in der Zusammenarbeit mit anderen erst zur Höchstform aufläuft? Wieviel Verantwortung möchten Sie gerne übernehmen? Sind Sie bereit, für Entscheidungen einzustehen und Ihren Kopf hinzuhalten? Wieviel Routine ist Ihnen angenehm? Möchten Sie, daß Ihre Arbeitszeit geregelt ist oder bevorzugen Sie unterschiedlich intensive Perioden, wie sie zum Beispiel bei Projekten in der Baubranche oder im Kulturbereich anfallen? Brauchen Sie die Gewähr, daß Sie sich auch im Fall von Arbeitslosigkeit auf ein soziales Netz verlassen können, oder sind Sie der Überzeugung, daß Ihnen immer irgendetwas Nützliches zu tun einfällt? Es geht hierbei nicht darum, was „man“ tut, kann oder nicht. Jeder Mensch sollte angesichts dieser Überlegungen ganz bei sich und seinen Bedürfnissen bleiben. 

Wie auch immer sich jemand entscheidet - es gibt konstruktive Lösungen. Nur entscheiden muß man sich eben. Schließlich können wir alle uns nur schwer vorstellen, daß jemand gleichzeitig in jeder Weise abgesichert und frei wie ein Vogel, allein und ungestört und voll in ein Team integriert sein kann. Und was man sich nicht in detailreichen, sinnlichen Bildern, quasi realistisch ausmalen kann, was man nicht für erreichbar hält und sich nicht zutraut, läßt sich in der alltäglichen, materiellen Wirklichkeit auch nicht umsetzen. Die Begrenzung unserer Möglichkeiten existiert zuvörderst im Kopf, in unserem Denken. 

Hat man nun herausgefunden, was einem im beruflichen Kontext wichtig ist und sich für die entsprechenden Denkmuster entschieden, hat man damit natürlich auch die Kehrseite der Medaille akzeptiert. Es bringt überhaupt nichts, mit der Polarität, mit den zugehörigen Nachteilen zu hadern, denn solange wir uns in einem menschlichen Körper befinden, leben wir auch im Spannungsfeld zwischen den Polen. Tag - Nacht, hell - dunkel, heiß - kalt, Krieg - Frieden, gesund - krank, Mann - Frau, jung - alt, oben - unten, groß - klein, innen - außen, Winter - Sommer, Arbeit - Muße und viele andere Begriffspaare definieren unser Leben in jedem Augenblick. Ein Begriff erklärt sich jeweils nur aus dem Gegenteil, ist ohne sein Gegenüber nicht denkbar. Am besten geht es uns, wenn wir die Vorteile der gewählten Situation nie aus den Augen verlieren, wenn wir ganz bewußt unser Hauptaugenmerk auf das lenken, was uns Freude macht, uns stärkt und unterstützt, was wir positiv bewerten, schätzen und anerkennen können. Damit reduzieren wir zuverlässig den Streß, der ja ebenfalls Teil unseres persönlichen Empfindens, unseres subjektiven Erlebens ist. Schließlich machen nicht Ereignisse an sich Streß, sondern unsere Bewertung derselben und der Widerstand, der daraus resultiert.  

Nimm Dein Leben in Deine eigenen Hände, und was passiert? Etwas Schreckliches: Es gibt niemanden mehr zu beschuldigen. Erica Jong, amerikan. Schriftstellerin (geb.1942) 

Hat sich angesichts dieser Überlegungen herausgestellt, daß die momentane Lage eigentlich ganz passabel ist - wunderbar. Sollte jemand jedoch zu dem Schluß gekommen sein, daß die Nachteile bei weitem überwiegen, gibt es nur zwei konstruktive Auswege, je nachdem, ob sich diese Person vorstellen kann, daß eine Veränderung in der Außenwelt möglich ist oder nicht. Im ersteren Fall bietet es sich an, die gewünschte Veränderung durchzuführen und sich damit mehr Wohlbefinden zu verschaffen. Im letzteren hilft es, die Denkmuster dahingehend umzugestalten, daß man nicht mehr ständig in Konflikt mit der für unveränderbar gehaltenen Situation gerät. Anderenfalls macht man vor allem sich selbst und vielleicht sogar auch dem Umfeld das Leben zur Hölle. Das hat nichts mit Resignation zu tun, sondern mit dem bewußten und verantwortlichen Umgang mit sich selbst und der eigenen Kraft. Niemandem ist geholfen, wenn wir uns selbst fertig machen. 

Freude an der Arbeit läßt das Werk trefflich geraten. Aristoteles, griech. Philosoph (384 - 322 v.Chr.) 

Zurück zur „Arbeit“, zu dem, was die meisten Menschen in unserer Kultur damit assoziieren: Wenn Arbeit etwas ist, was man absolvieren muß, um mit dem verdienten Lohn seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, was aber an sich wenig erfreulich, sinnvoll und befriedigend ist, wird sie leicht zur Belastung, zur Strapaze, zu etwas, dem man gerne ausweichen, dem man sich so weit wie möglich entziehen möchte. Durchaus nachvollziehbar.

Die Folgen dieser Definition sind vielfältig:

1. Arbeit, die man nicht gerne tut, führt zu schlechteren Resultaten. Weil im Widerstand gegen die unliebsame Tätigkeit ziemlich viel Energie gebunden ist, fehlt sie dort, wo sie gebraucht würde. Die Bezeichnung „Montagsarbeit“ für Gegenstände mit Produktionsfehlern hängt einerseits mit dem größeren Widerstand zu Wochenbeginn, aber auch mit der Erschöpfung zusammen, unter der viele Arbeitnehmer nach einem Wochenende im Freizeitstreß, an dem sich alles ereignen mußte, was ihnen sonst abgeht (das „wirkliche“ Leben nämlich), leiden. Schlechte Arbeitsergebnisse führen zu noch mehr Frustration, weil man aus ihnen keinerlei Befriedigung und Selbstbestätigung beziehen kann.

2. Arbeit, die man nicht gut ausführt, verhindert das berufliche Fortkommen. Arbeitsunlust trägt weder zur Weiterentwicklung des Arbeitnehmers noch zur Anerkennung und Beförderung durch Vorgesetzte bei. Auch einem Handwerker oder Freiberufler, der seine Aufgaben mangelhaft erledigt, werden die Kunden weglaufen. Das hat nicht nur zur Folge, daß das Arbeitsleben an sich unerquicklich ist, es wirkt sich selbstverständlich auch auf die Einkommenslage destruktiv aus. „Erfolg ist das - quasi unvermeidbare - Nebenprodukt von Arbeit, die man gerne tut“, hat ein gescheiter Mensch einmal formuliert.

3. Ständiger Ärger, Konflikte und Frustration wirken sich nicht nur auf der professionellen Ebene kontraproduktiv aus, sie schaden auch der Gesundheit. Es ist nämlich keineswegs so, daß Menschen, die sich nicht zu Tode rackern, sondern eher bemüht sind, eine „ruhige Kugel“ zu schieben, die geringste Anzahl an Erkrankungen aufweisen. Ganz im Gegenteil. Womit ich allerdings auch nicht ausgedrückt haben will, daß ich Führungskräfte, Manager, die Tag und Nacht dem Erfolg nachlaufen und Konkurrenten bekämpfen, für harmonischer an Leib und Seele halte. Menschen auf den oberen Stufen der Hierarchie können genauso unglücklich sein, sich an fragwürdigen Kriterien orientieren und in gewisser Weise entfremdet arbeiten wie ihre Untergebenen. Das hat mit der Einkommenslage und dem Sozialprestige nur sehr bedingt zu tun. Nicht umsonst gibt es „Managerkrankheiten“.

Ich glaube, daß auf der Welt viel zu viel gearbeitet wird und daß unermeßlicher Schaden hervorgerufen wird durch die Überzeugung, Arbeit sei an sich schon etwas Tugendhaftes. Bertrand Russell, engl. Mathematiker und Philosoph (1872 - 1970)

Vieles spricht also dafür, die persönliche Arbeitssituation konstruktiv zu gestalten oder sich zumindest auf Aspekte davon zu konzentrieren, die sich gut anfühlen, die man anerkennen und schätzen kann. Das heißt im Klartext, es geht darum, für sich selbst eine neue Definition des Begriffes „Arbeit“ zu erstellen. Arbeit ist nicht nur Mühe, Anstrengung, Durchführung von Aufträgen, Auseinandersetzung mit unangenehmen Chefs oder Kollegen, Zwang, Disziplin, Früh-aufstehen-müssen, Schmachten in Sonnenschein und Hitze, Frieren bei Regen oder Schnee, Mangel an Identifikation mit dem Produkt, Kontrolle, Sinnlosigkeit, Monotonie, Langeweile, Verwirrung, Angst, Machtlosigkeit, Unsicherheit, Isolation und Selbstentfremdung, geistige Unterforderung, Selbstaufgabe, Aufopferung und ähnliches...

Arbeit kann auch Befriedigung, Sinnstiftung, Nutzen für die Allgemeinheit, Gemeinschaft, Konzentration, Kollegen und Freunde treffen, Kommunikation, neue Leute kennenlernen, Freude am Tun, Pausen, Lachen, Information, Weiterbildung, Anerkennung, Herausforderung, Kreativität, Verantwortung, Selbstverwirklichung, Struktur, Gestaltung, Wohlstand, Freiheit, Unabhängigkeit, Dialog, Kompetenz bedeuten...

Welcher Arbeit Sie auch in Ihrem Leben nachgehen, machen Sie sie gut... Wenn Ihre Aufgabe darin besteht, die Straßen zu fegen, dann fegen Sie, wie Michelangelo malte, wie Shakespeare Gedichte schrieb und wie Beethoven komponierte. Fegen Sie die Straßen so, daß all die himmlischen und auch die irdischen Heerscharen innehalten und sagen: Er lebte als ein großer Straßenfeger und er hat seine Arbeit gut gemacht. Martin Luther King, amerikan. Bürgerrechtler und Baptistenpfarrer (1929 - 1968)   

Es ist keineswegs klar, welche Arbeit Spaß macht und daher gerne verrichtet wird und welche nicht. Selbst Wissenschaftler sind schon verblüfft worden, wenn sie mit der vorgefaßten Meinung, eine bestimmte Art von Tätigkeit sei besonders anstrengend und belastend, an eine Untersuchung herangegangen waren und dann feststellen mußten, daß sich auch unter solchen Umständen Leute fanden, die ihren Beruf gerne und mit Freude ausübten. Mir persönlich ist einmal eine Frau begegnet, die mir glaubhaft versicherte, sie arbeite gerne auf der Hühnerfarm, wo sie Eier sortierte. Hätten Sie gedacht, daß es so etwas gibt? Zwischen all den degenerierten Hühnern, dem Mist und Gestank? Gründe dafür waren ihre Kolleginnen, mit denen sie jeden Tag gute Gespräche führte, und die Unabhängigkeit, die ihr ein eigenes Einkommen verschaffte. 

Dieselben Auswirkungen von Gedankenmustern und der persönlichen Einstellung zu einem Thema läßt sich übrigens schon in der Schule beobachten. Daß die äußere Wirklichkeit immer ein Abbild der inneren ist, zeigt sich auch dort. Schüler, die Probleme in ihrem Unterrichtsalltag haben, definieren „Schule“ als eine Ansammlung von unangenehmen Faktoren. Dazu gehören Fächer wie Mathematik und Fremdsprachen, wie Biologie oder Geschichte, aber auch ungerechte Lehrer, der Zwang zu Pünktlichkeit und Disziplin, Schularbeiten, Hausaufgaben, feindliche Cliquen unter den Schulkollegen, sich blamieren, ausgelacht werden, ganz allgemein Mangel an sozialer Akzeptanz und vieles mehr. Eine mit mir befreundete Lehrerin hat ihre Schüler darauf aufmerksam gemacht, daß „Schule“ aber auch heißt: singen, zeichnen, turnen, Freunde treffen, Pausen, in denen es lustig zugeht, gemeinsam Lehrer ärgern, zusammenhalten, sich gegenseitig einsagen, positive Ergebnisse erreichen, interessante Informationen erhalten und so weiter.... Die Frage stellt sich auch hier: Haben gute Schüler allen Anlaß, gerne in die Schule zu gehen, und schlechte nicht? Drückt sich in den Assoziationen und Bewertungen die jeweilige Situation der Schüler aus, ist sie also das Resultat der gesammelten Erfahrungen? Oder könnte es nicht auch da umgekehrt laufen?  

Kurios ist, daß es schon unter Volksschülern zum „politisch korrekten“ Verhalten gehört, auf die Schule zu schimpfen, unabhängig davon, ob sie dort wirklich Unerfreuliches erleben oder nicht, ob sie sich im Unterricht leicht tun oder nicht. Und das zieht sich dann bei vielen Leuten durch ihre gesamte berufliche Karriere. Alle unguten Erlebnisse bestätigen die vorgefaßte Meinung, und alle freundlichen werden für zufällig gehalten und ändern nichts an der Einschätzung. 

Wenn wir davon ausgehen, daß die Materie immer dem Geist folgt und nicht umgekehrt, erfüllen sich Schüler mit einer negativen Erwartung eben diese, beziehungsweise auch die Vorstellungen ihrer Umgebung, vor allem dann, wenn ihnen die entsprechenden Personen wichtig sind. Das gilt im übrigen natürlich genauso für erwachsene Menschen.  

Das Denkmodell, daß Arbeit tendenziell mühsam und unerfreulich sei und daß einem eine entsprechende Honorierung nur als Ausgleich für die erlittene Unbill zustehe, hat oft sogar Auswirkungen bei denjenigen, die sich für einen Beruf ganz nach ihrem Herzen, ihrer Neigung und Überzeugung entschieden haben. Es ist nämlich auffällig, daß viele Künstler, Therapeuten, die komplementärmedizinisch ausgerichtet sind, und Kinderbetreuer außerhalb der Institutionen - um nur einige anzuführen - kaum genug zum Überleben verdienen. Ihnen macht ihre Arbeit Spaß, sie verrichten sie gerne, erlangen gute Resultate und fühlen sich wohl dabei. Sie leiden nicht unter ihrem Tagewerk, daher steht ihnen auch kein „Schmerzensgeld“ zu. Dafür, daß sie sich selbst verwirklichen und sich daran freuen, können sie doch nicht auch noch Geld verlangen, oder? 

Andererseits gebe ich zu bedenken, siehe oben, daß doch die meisten von Ihnen davon überzeugt sind, daß nur derjenige seine Arbeit gut macht, der sie gerne macht. Und daß Sie selbst sich nicht an einen Masseur oder Tischler wenden würden, von dem Sie wissen, daß er seine Tätigkeit haßt. Sie würden auch nicht in ein Restaurant gehen, wo das Küchenpersonal seinen Frust in jede Mahlzeit hineinkocht, oder dort einkaufen, wo Ihnen jemand die Artikel lieblos und geringschätzig präsentiert. Stimmt´s? Das heißt, Sie selbst möchten sehr wohl von Menschen versorgt oder betreut werden, die ihre Arbeit gerne und gut tun. Das läßt den Schluß zu, daß es anderen ebenso geht. Daß unsere Mitbürger und Kunden - zu Recht - auch von uns erwarten, daß wir das Notwendige und Vereinbarte mit Freude und Engagement erledigen. 

Aber: Wenn man sich darauf einläßt, Arbeit als einen wichtigen und erfüllenden Bereich des eigenen Lebens zu betrachten, verliert man dann den Anspruch auf ein angemessenes Einkommen, eben das „Schmerzensgeld“? Und wenn nicht, die Kunden? Also was jetzt? - Widersprüche über Widersprüche. 

Arbeit ist die einzige Entschuldigung für Erfolg. Helmar Nahr, deutscher Mathematiker und  Wirtschaftswissenschaftler (geb. 1931)     

Manche Menschen lieben ihren Beruf und befassen sich gerne intensiv damit, wollen aber nicht in die Denkmusterfalle geraten, daß sie demzufolge am Hungertuch zu nagen haben. Sie wählen, oft unbewußt, die Strategie, ihre Arbeitstage bis in die Nacht dauern zu lassen, und finden tausend Begründungen, daß das eben der Preis für Erfolg sei. Auf diese Weise organisieren sie sich doch noch genügend „Leiden“, um ohne schlechtes Gewissen eine überdurchschnittliche Entlohnung annehmen zu können. 

Wer nicht rasten kann, kann auch nicht arbeiten. Harry Emerson Fosdick, amerikan. Geistlicher (1878 - 1969)      

Eine Tücke in unserem wirtschaftlichen System besteht darin, daß die meisten Menschen in Firmen fernab der Kunden, Klienten oder Konsumenten tätig sind und Produkte erzeugen, deren Weg sie nicht weiterverfolgen können. Soll heißen, das direkte Feedback, positiv wie negativ, erreicht sie nicht. Daraus schließen manche Leute, daß es vollkommen egal sei, mit welcher Emotion sie ihre Pflichten erfüllen. Hauptsache, sie erfüllen sie so, daß ihnen ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt. Wenn wir allerdings davon ausgehen, daß wir immer ernten, was wir säen, gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Denkmuster, mit dem wir einer Situation begegnen, und dem Ergebnis auf materieller und immaterieller Ebene. Zufriedenheit, soziales Eingebundensein und Erfolg, Streß oder Ausgeglichenheit haben eben auch damit zu tun, mit welcher Einstellung und Erwartung Aufgaben angegangen werden.  

Alles ist interessant, wenn man sich wirklich eingehend damit befaßt. Richard P. Feynman, Nobelpreisträger für Physik,  (1918 - 1988) 

Im Klartext heißt das ganz einfach, es ist sinnvoll, die Verantwortung für die eigene Befindlichkeit in allen Lebenslagen zu übernehmen. Wir selbst entscheiden nämlich, für wie wertvoll oder sinnlos wir unsere Tätigkeit halten und welche Aspekte wir in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken. Wir haben die Wahl, uns Tag für Tag über dieselben Kollegen oder die mangelhaften Führungsqualitäten des Chefs aufzuregen - oder unsere Energie in die Verbesserung eines Arbeitsgangs oder die Umgestaltung unseres unmittelbaren Umfelds zu investieren. Wir können, um es in einer bekannten Metapher auszudrücken, uns über die bereits halbleere Flasche beklagen oder uns darüber freuen, daß sie noch immer halbvoll ist.  

Gehe in deiner Arbeit auf, nicht unter. Jacques Tati , französischer Schauspieler (1908 - 1982) 

Jede Arbeit kann zu etwas nütze sein, in jeder Arbeitssituation gibt es Details, die in Ordnung, von Vorteil und anerkennenswert sind. Wenn wir es als kreative Herausforderung betrachten, diese zu finden, zu stärken und zu entwickeln, werden wir feststellen, daß diese neue Ausrichtung ebenso zu einer Art Eigendynamik führt wie Ablehnung, Frust und Destruktion, diesmal aber in Richtung Befriedigung, Anerkennung und Erfolg, weil uns die Außenwelt auch diese neue Einstellung spiegeln wird, weil wir dadurch auch die Aufmerksamkeit der anderen auf das lenken, was gelingt und gut funktioniert. 

Mein ganzes Leben lang betrachte ich als wahre Helden nur diejenigen, die die Arbeit lieben und zu arbeiten verstehen. Diejenigen, die alle Kräfte des Menschen für schöpferische Arbeit, für die Verschönerung unserer Erde und für die Schaffung menschenwürdiger Lebensformen auf ihr freimachen wollen. Maxim Gorkij, russischer Dichter (1868 - 1936) 

Tatsache ist, daß wir vier Jahrzehnte lang viele Stunden unseres Lebens mit einer Tätigkeit verbringen, die man üblicherweise „Arbeit“ nennt. Denken Sie nicht auch, daß es sich lohnt, diese Zeit erfreulich und fruchtbar zu gestalten? Oder kennen Sie einen einzigen Fall, wo das Gegenteil, das frustrierte Abdienen dieser langen Periode, irgendeinem Wesen auf diesem Planeten - Mensch, Tier oder Pflanze - genützt hat?  

Lassen Sie mich schließen mit einem Zitat des amerikanischen Philosophen und Dichters Ralph W. Emerson (1803-1882): Erfolg heißt: Oft und viel lachen; die Achtung intelligenter Menschen und die Zuneigung  von Kindern gewinnen; die Anerkennung aufrichtiger Kritiker verdienen und den Verrat falscher Freunde ertragen; Schönheit bewundern, in anderen das Beste finden; die Welt ein wenig besser verlassen, ob durch ein gesundes Kind, ein Stückchen  Garten oder einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft; wissen, daß wenigstens das Leben eines anderen Menschen leichter war, weil du gelebt hast. Das bedeutet, nicht umsonst gelebt zu haben.